Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Gäste, liebe Freundinnen und Freunde,
ich begrüße Sie alle ganz herzlich zu diesem besonderen Abend. Wir, Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religionen und Lebensgeschichten, sind heute hier zusammengekommen. Schon diese gemeinsame Versammlung ist ein schönes Zeichen für das, worüber ich heute sprechen möchte: Zusammenleben.
Zusammenleben bedeutet mehr als nur nebeneinander zu existieren. Es bedeutet, einander zu sehen, einander zu respektieren und im Anderen nicht das Fremde, sondern das Gemeinsame zu entdecken.
Wenn wir in die Geschichte schauen, sehen wir viele Persönlichkeiten, die uns genau das vorgelebt haben.
Der außergewöhnliche deutsche Kardinal Nikolaus von Kues empfahl bereits im Jahr 1437 die Einberufung einer Versammlung von jüdischen, christlichen und muslimischen Theologen. Er hatte sogar den Koran im arabischen Original gelesen. Für seine Zeit war das revolutionär. Er war überzeugt: Wahrheit kann nur im Dialog wachsen.
Ähnlich dachte Jahrhunderte später Johann Wolfgang von Goethe. Als junger Mann lernte er den Koran kennen und schrieb im West-östlichen Divan:
Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Occident!
Nord- und südliches Gelände
Ruht im Frieden seiner Hände.
Er, der einzige Gerechte,
Will für jedermann das Rechte.
Sey, von seinen hundert Namen,
Dieser hochgelobet! Amen.
Mich verwirren will das Irren;
Doch du weiſst mich zu entwirren.
Wenn ich handle, wenn ich dichte
Gieb du meinem Weg die Richte.
Für Goethe waren Osten und Westen keine Gegensätze, sondern Brüder. Er träumte von einem „Fest der reinen Menschlichkeit“, an dem niemand den anderen nach seiner Religion fragt.
Und wenn wir noch weiter zurückgehen, begegnen wir einer Persönlichkeit, die dieses Zusammenleben nicht nur dachte, sondern lebte: Mevlânâ Celaleddin Rumi.
Als Rumi am 17. Dezember 1273 starb, geschah etwas Außergewöhnliches. Muslime, Christen und Juden nahmen gemeinsam an seiner Beerdigung teil. Die Juden sangen Psalmen, die Christen verkündeten das Evangelium. Niemand dachte daran, jemanden auszuschließen.
Als der Sultan fragte, warum Christen und Juden einen Muslim feierten, antworteten sie:
„Als wir ihn sahen und ihm zuhörten, erkannten wir in ihm die wahre Natur unserer eigenen Propheten.“
Was für ein starkes Zeichen! Ein Mensch, der in allen Religionen das gleiche Licht sichtbar machte.
Rumi schrieb:
„Die Propheten sind wie Fenster. Das Licht ist eins.“
Wenn wir ein Fenster verschließen, verschließen wir nicht das Licht – sondern nur unseren Blick.
Zusammenleben beginnt nicht bei großen Theorien, sondern im Mitgefühl.
Rumi lebte in Harmonie mit der Natur. Er sagte:
„Die Bäume erkennen mich und antworten auf meinen Gruß.“
Einmal kaufte er einen Ochsen frei, der zum Schlachthof geführt wurde, um ihn zu retten.
Ein anderes Mal ließ er große Mengen Süßigkeiten kaufen – nicht für Menschen, sondern um eine hungrige Hündin zu füttern, die ihre Jungen nicht verlassen konnte.
Dieses Mitgefühl finden wir auch bei Hacı Bektâş-ı Velî.
Als einige Männer aus Spaß einem jungen Wildschwein eine Glocke umhängten und dadurch die anderen Tiere in Panik versetzten, stellte er sie zur Rede:
„Was hat euch dieses Tier getan? Ist das gerecht?“
Er entfernte selbst die Glocke – nicht nur zum Schutz des Tieres, sondern auch aus Respekt gegenüber den Christen, für die die Glocke ein heiliges Symbol ist.
Hier sehen wir:
Zusammenleben bedeutet auch, die Gefühle des anderen mitzudenken.
Im Velâyetnâme wird erzählt, dass Hacı Bektâş-ı Velî in einem christlichen Dorf von einer Frau Brot angeboten bekam. Er segnete sie und wünschte ihrer Gemeinschaft Wohlstand. Aus dieser Begegnung entstand über Jahre hinweg gegenseitige Achtung.
Auch später, als ihm vorgeworfen wurde, Nicht-Muslime in seinem Orden willkommen zu heißen, antwortete ein Vertreter seiner Tradition:
„Wir unterscheiden nicht zwischen Religionen und Konfessionen. Jeder gute Mensch wird von Gott angenommen.“
Was für eine klare Botschaft – gerade für uns heute.
In einer Zeit, in der Macht oft stärker war als Weisheit, erinnerten solche Menschen daran, dass Gott „der Herr der Welten“ ist – nicht nur einer Gruppe.
Hacı Bektâş-ı Velî sagte:
„Bildet eure Töchter aus.“
Er stärkte Frauen und verhinderte ihre Ausgrenzung. Für ihn bedeutete Wahrheit, nicht auf Geschlecht, Herkunft oder Hautfarbe zu schauen, sondern auf das Wesen des Menschen.
Einheit in der Vielfalt – das ist „kesrette vahdet“.
Liebe Gäste,
was lernen wir aus all diesen Beispielen?
Zusammenleben ist kein politisches Konzept.
Es ist eine Haltung.
Es bedeutet:
den anderen nicht auszuschließen,
Mitgefühl über Grenzen hinweg zu zeigen,
das gemeinsame Licht in verschiedenen Fenstern zu erkennen.
Gerade hier in Deutschland, in einer vielfältigen Gesellschaft, tragen wir gemeinsam Verantwortung für dieses Zusammenleben.
Heute Abend, wenn wir gleich gemeinsam das Fasten brechen, sitzen Menschen verschiedener Religionen und Weltanschauungen an einem Tisch. Vielleicht ist genau das ein kleines Bild für das „Fest der reinen Menschlichkeit“, von dem Goethe sprach.
Möge unser Zusammenleben von Respekt, Barmherzigkeit und gegenseitigem Verständnis geprägt sein.
Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Aufmerksamkeit
und wünsche uns allen einen gesegneten und friedvollen Abend.
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